Johann Wolfgang von Goethe gilt als einer der erfolgreichsten Dichter der deutschen Geschichte und als einer der intelligentesten Männer, die bekannterweise gewirkt haben. Auch wenn seine Werke nicht jedem verständlich sind, so haben doch sehr viele Menschen Ein bisschen Goethe drauf.

Zitate wie Es irrt der Mensch so lang er strebt. (Faust I, Prolog, Vers 317), Das also war des Pudels Kern! (Faust I, Studierzimmer I, Vers 1323) oder Name ist Schall und Rauch. (Faust I, Marthens Garten – Gretchenfrage, Vers 3457) sind vielen doch gar zu geläufig, ohne dass Ihnen die Herkunft dieser vortrefflichen Verse bewusst wäre (ich zitiere hier bewusst nur aus meinem Lieblingswerk).

Neben seinen anerkannten Versuchen als Naturwissenschaftler hat sich Goethe als Sprachgenie geoutet. Als solches hat er die deutsche Sprache benutzt, angewendet, in Form gebracht und damit Werke geschaffen, die als Größen in die Literaturgeschichte eingegangen sind.

Wenn ich im Bus im Faust schmökere, dann bin ich immer wieder fasziniert, wie gewandt Goethe Worte anwendet und zu Versen, Sätzen, Stücken komponiert. Wenn ich mich mit dieser Eleganz an deutscher Sprache beschäftige, dann fühle ich mich an so manchen Lisp-Code erinnert. Ein Vokabular, gewisse Regeln und ein Ziel. Als Programmierer ist man in seinem Vokabular zwar etwas eingeschränkter und die Regeln sind oft strenger, als in den meisten Formen der Poesie, aber nicht so streng, wie in manch speziellen Literaturformen. Einzig im Ziel unterscheidet sich der meiste Lisp-Code von einem Werk der Literatur. Ein Programm ist fast immer eine Lösung für ein Problem, und nur in seltenen Fällen eine Problembeschreibung. Literatur kann selbst das Problem darstellen, oder sie beschreibt es häufig nur. Code ist zweckgebunden, Literatur geht darüber hinaus.

Welches Programm wird verwendet, nur weil es gut aussieht oder sich gut anhört? Es wird gefeilt an Lines of Code, Geschwindigkeit und Flexibilität. Ein Programm wird häufig wieder neu geschrieben, umgeschrieben, verbessert angepasst, perfektioniert und da sind sich die Hacker aus der digitalen und der Papier gebundenen Welt einig: Ein Werk ist nie vollendet, es befindet sich in einem stetigen Wandel.

Ich komme also nicht drumherum, mir Goethe als Hacker vorzustellen. Wer es schafft abstrakte Gefühle, Denkprozesse und Leben so in Form zu schreiben, der kann sich auch dafür faszinieren Probleme zu abstrahieren und in einer -wenn auch viel einfacheren- Sprache zu formulieren. Code kann auch Poesie sein, die von Außenstehenden leider oft genug nur nach dem Umschlag bewertet wird und selbst von den Verfassern meist nicht erkannt oder geschätzt wird.